Grand Hotel Establishment

Grand Hotel Establishment

2017/18

[für 1 Vokal-Performerin, Live-Elektronik, Tapes, Sensor-ausgestattete Gegenstände und Video]

Eine Auftragskomposition des Deutschlandfunk 2018. Uraufführung im Rahmen des Forum neuer Musik Köln.

Trailer:

Das Stück behandelt das Thema der 68er Bewegung einerseits retrospektiv, auf eine Generation blickend zwischen Aufbruch und Protest, philosophischen Kopfkinos und postpubertären Happenings, ideologischen Irrwegen und linksradikaler Hilflosigkeit, und untersucht andererseits gesellschaftlich relevante Gegenwartsbezüge der Jetztzeit. Nicht nur aus dem Rausch der Befreiung, sondern auch vor dem Nazi-Erbe ihrer Elterngeneration, haben sich die 68er gleichsam mutig wie leichtsinnig den verkrusteten Strukturen einer konservativen Gesellschaft widersetzt.

Dabei war den 68ern klar: Gefahr geht nicht von der Rändern, sondern von der gesellschaftlich etablierten Mitte aus. Und so wurde das Establishment zum allumfassenden Feindbild, das es durch politische Agitation zu bekämpfen und langfristig zu unterwandern galt. In der Mitte unserer Gesellschaft sind die 68er heute längst angekommen, doch der Marsch durch die Institutionen, vorbei am Strand unter den Pflastersteinen, führte die Mehrheit direkt in die opportunistische Luxus-Suite des Grand Hotel Establishment. Bequem eingerichtet genießen sie bis zu ihrem Aussterben alle Vorzüge der kapitalistisch-neoliberalen sogenannten Ersten Welt. Doch in der Lobby kommen aktuell ganz neue Gäste an, denn den All-Inclusive – Aufenthalt im Grand Hotel Establishment haben längst auch jüngere Generationen gebucht, die ihren Marsch durch das System allerdings oftmals von den politisch gegenüberliegenden Rändern angetreten sind.

Doch was genau ist dieses Grand Hotel Establishment? Ist es der Kulminationspunkt in unserer Gesellschaft, an dem es clashen muss? An dem wir uns von allen Seiten kommend gegenübertreten und auseinandersetzen? Nicht nur mit uns selbst als versklavten und kommerzialisiert ausgebeuteten Leistungssubjekten, sondern auch mit den politisch „Anderen“, die mit ebenso viel Idealismus und Kampfgeist nach einem Update des politischen Systems und gesellschaftlicher Verhältnisse streben. Vielleicht ist es ein Ort, an dem wir Stellung beziehen und Werte diskutieren. Vielleicht ist es aber auch das Luftschloss einer ewigen Utopie, an der sich Generation für Generation abarbeitet.

Textauszug:

„Aus dem Gefühl autoritarer Bevormundung gründeten wir den Wanderzirkus Revolution! (…) Wir gingen Ostern feiern mit Mollis und Steinen beim massenmedialen Henker und kokelten Kaufhauser an in der Stadt der Dichter und Bänker. (…) Wer von uns weiß noch, welchen Weg er geht auf der Straße 68? – Schlafen für den Frieden? Frieden und Freiheit!

Die Freiheit, Freiheit als kommerzialisierte Selbstausbeutung zu konsumieren. Die Freiheit, Emotionen als Rohstoffe öffentlicher Entinnerlichung zu publizieren. Die Freiheit, den tatsachlichen Feind, das Selbst, als versklavtes Leistungssubjekt zu ignorieren. Denn: In uns selbst sitzt heute die Herrschaftsinstanz. In der Luxus-Suite des Grand Hotel Establishment“

2017/18

[for 1 female vocal Performer, live-electronics, tapes, sensor-equipped items and video]

Commissioned by Deutschlandfunk, premiered within the festival Forum neuer Musik 2018 in Cologne.

The piece GRAND HOTEL ESTABLISHMENT retrospects the young generation of ’68, a movement between protests, philosophical imaginative cinemas in young student’s heads, post-adolescent wrong tracks and radical left-winged helplessness. Further it draws connections to contemporary relevant political topics of today’s society. Not only grown out of the ecstasy of liberation, but also with the heritage of the Third Reich of their parent’s generation, the movement of ‘68 tried to demolish the encrusted structures of a conservative society. The piece questions sustainability of their influences on the current political and social situation, because the so called „long march through the institutions“ seems to have transferred the majority of 68- followers directly in the opportunistic luxury suite of the GRAND HOTEL ESTABLISHMENT.

 

(photo credits: Thomas Kujawinski)