instrumental
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Eine bislang unbekannte Qualität der Trostlosigkeit
Für Streichquartet, verstärktes Sandpapier und Zuspielung.

Die Komposition „.Eine bislang unbekannte Qualität der Trostlosigkeit“ entstand im Auftrag des Museum Angewandte Kunst Frankfurt am Main im Rahmen der Ausstellung Á propos der Grafikdesignerin Anette Lenz. Ausgangspunkt der Komposition ist das collagierende Arbeiten mit unterschiedlichen Materialitäten – ein zentrales Merkmal im Werk von Lenz –, das in eine klangliche Struktur übertragen wird. Die Klangwelt des Streichquartetts verbindet sich mit verstärktem Sandpapier, elektronischen Zuspielungen und Aufnahmen von durch Wind bewegtem Straßenabfall. Durch Überlagerung, Reibung und Fragmentierung entsteht eine musikalische Collage, in der heterogene Klangquellen gleichberechtigt nebeneinanderstehen.
Ein zentrales Element bildet die Bratschenstimme, die eine transkribierte Sprachstruktur trägt. Grundlage ist eine Passage aus dem Roman Melancholie des Widerstands von László Krasznahorkai (in ungarischer Originalsprache). Rhythmische Eigenschaften der Sprache werden in instrumentale Gesten übertragen; die Bratsche erhält dadurch häufig solistischen Charakter und nimmt auf der Bühne die Position der ersten Violine ein. Aus derselben Textpassage stammt auch der Titel des Werkes.
Die Komposition entstand während mehrerer Lockdowns der COVID-19-Pandemie. In dieser Zeit veränderte sich meine Wahrnehmung von Zeit grundlegend: Der Stillstand des öffentlichen Lebens, leere Straßen und die Reduktion äußerer Bewegung führten zu einer für mich sehr neuen Form der Entschleunigung. Nach Jahren intensiver Reisetätigkeit entstand für mich eine Situation des Verharrens – geprägt vom Beobachten, vom Blick aus dem Fenster und vom Erleben einer ungewohnten Stille.
Prägend für die Arbeit am Stück war die intensive Auseinandersetzung mit dem filmischen Werk des ungarischen Regisseurs Béla Tarr, insbesondere mit seiner Verfilmung von Melancholie des Widerstands. Charakteristisch für Tarrs Filme sind extreme zeitliche Dehnung, das Beobachten von Außenräumen und der Wind als wiederkehrendes Motiv. Der Wind erscheint dort nicht nur als Naturphänomen, sondern als klangliche und atmosphärische Kraft: Er bewegt sich durch leere Straßen, trägt Staub und Müll durch Gassen und erzeugt eine stille, zugleich unheimliche Präsenz.
Diese Vorstellung prägt auch die musikalische Dramaturgie des Werkes. Zeit wird nicht als linearer Ablauf verstanden, sondern als Zustand des Vergehens und der allmählichen Veränderung. Klänge scheinen sich langsam zu verschieben, zu überlagern und wieder zu verlieren. Die Collage verschiedener Materialien verbindet sich mit einer gedehnten Zeitlichkeit, in der Bewegung reduziert und Aufmerksamkeit auf kleinste Veränderungen gelenkt wird.
Die Uraufführung des Stückes steht bislang aus.
Aus dem Roman „Az ellenállás melankóliája“ [„Melancholie des Widerstands“] von László Krasznahorkai: Original:
„…hogy „figyelmesebben szemlélve a dolgot”, elűzhetetlen jóakarójának véleményétől eltérően „szeretett szülőhelye” valójában nem olyan látványt nyújt, mint amelyik egy világvége előtt áll, hanem inkább olyat, mint amelyik már túl van rajta. Meglepő volt, hogy a járókelők bárgyú céltalansága, az ablakokból kikukucskáló arcok eseményre éhes időtlen türelme, egyszóval „a szellemi tompaság megszokott trágyaszaga” helyett a báró Wenckheim Béla sugárút és a környező néhány utca a kietlenségnek egy mind ez ideig ismeretlen minőségében mutatta magát, s a tekintetek „irdatlan ürességét” szembeötlően az elhagyatottság sivatagi némasága váltotta fel.“
Deutsche Übersetzung: „ ‚Bei aufmerksamerem Hinsehen‘ bot seine ‚geliebte Geburtsstadt‘, abweichend von der Meinung seines nicht abzuschüttelnden Wohltäters, genau genommen nicht den Anblick, als stände sie vor dem Weltuntergang, sondern eher, als hätte sie ihn bereits hinter sich. Überraschend war es, dass sich statt der schwachköpfigen Ziellosigkeit der Passanten, der ereignishungrigen zeitlosen Geduld aus den Fenstern gaffender Gesichter, kurz, statt des ‚gewohnten Mistgeruches geistiger Stumpfheit‘ in der Baron-Béla-Wenckheim-Straße und den wenigen umliegenden Gassen eine bislang unbekannte Qualität der Trostlosigkeit zeigte, in der die ‚ungeheure Leere‘ der Blicke auffällig einer wüstenhaften Stummheit des Verlassenseins Platz gemacht hatte.“
2020/21 comissioned by Isenburg Quartett (Laura Hovestadt (Viola), Jagdish Mistry (Viola 1), Diego Ramos Rodríguez (Violine 2), Michael M. Kasper (Violoncello). Recorded at Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, 2021.